Jaeggi - Ein Musterfall


Aus Jaeggi, E. (1997). Zu heilen die zerstoßnen Herzen. Die Hauptrichtungen der Psychotherapie und ihre Menschenbilder. 2. Aufl. Hamburg Reinbek, Seiten 18 - 40. Dieser Text steht unter Copyright-Schutz und wird hier nur zum Studiumszweck verwendet

Der folgende Fall ist nicht frei erfunden, aber doch so sehr verändert, daß weder die Person noch die Umstände erkennbar sind. Die hier dargestellte Frau wurde in der Realität psychoanalytisch mit sehr gutem Erfolg behandelt. Da keine Protokolle vorhanden sind, wurde die hier dargestellte psychoanalytische Therapiestunde nur nachgezeichnet; die übrigen Therapiesitzungen sind passend hinzu komponiert worden. Es soll auf diesem Weg klargemacht werden, wie man sich etwa Interventionen der verschiedenen Schulen vorstellen kann, wobei Wert drauf gelegt wurde, die Schulen relativ „rein“ darzustellen. In der heutigen Therapielandschaft wird zwar sehr vieles vermischt, und die Interventionen sind selten nur einer einzigen Theorie verpflichtet, der Anschaulichkeit halber aber wollte ich hier relativ eindeutige Interventionen zeigen, etwa so, wie man sie in Lehrbüchern finden kann.

Die Fallgeschichte

Frau Beckmann ist 51 Jahre alt und leidet seit 14 Jahren an einer Agoraphobie (Straßenangst) und frei flottierenden Ängsten, die es ihr unmöglich machen, aus dem Haus zu gehen, und die ihren Alltag sehr weitgehend bestimmen. Frau Beckmann hat rund anderthalb Jahre nach Ausbruch der Krankheit ihren Beruf als Redaktionssekretärin bei einer kleinen Zeitschrift aufgeben müssen; seit 10 Jahren ist sie berentet. Sie hat eine lange Patientenkarriere hinter sich: Internisten und Psychiater haben sich sehr oft mit ihr beschäftigt, und sie kennt so ungefähr alle Psychopharmaka, die es gibt. Merkwürdigerweise hat ihr niemand zu einer Psychotherapie geraten, und Frau Beckmann, die eine gebildete moderne Frau ist, hat auch von sich aus den Wunsch nie verspürt. Sie ist, wie sie sagt, gar nicht auf eine solche Idee gekommen. Erst mit ihrem 50. Geburtstag ist in ihr der Entschluss gereift, doch noch etwas an ihrem Leben zu ändern.
Frau Beckmann wurde von einer Anamnestikerin auf ihre Eignung für eine Psychotherapie hin interviewt. Wir nehmen an, daß allen Therapeuten dieses Interview vorgelegen hat, so daß alle etwa vom gleichen Kenntnisstand ausgehen konnten.
Demnach ist Frau Beckmann eine lebhafte und gescheite Frau, die sich gewandt ausdrücken kann und einigermaßen introspektionsfähig scheint. Sie ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder (zwei Söhne, eine Tochter) und zwei Enkelkinder. Der Ehemann von Frau Beckmann ist ein sehr erfolgreicher Kaufmann, der in seiner Firma eine gute Position errungen hat. Sie kennt ihren fünf Jahre älteren Mann, seit sie 15 Jahre alt ist. In ihrem Leben hat es nie einen anderen gegeben, sie bezeichnet sich als „rundum glücklich“ in ihrer Ehe. Ihr Mann sei sehr hilfsbereit, hat die Krankheit in bewundernswerter Weise mitgetragen, ebenso die Kinder. Sie hat jetzt nur noch ihre zwanzigjährige Tochter zu Hause; die Söhne leben mit ihren Partnerinnen nicht weit von den Eltern entfernt. Die Familie ist miteinander sehr vertraut, man feiert alle Feste gemeinsam und geht miteinander liebevoll um. Ihre Schwiegertöchter sind ihr „lieb wie eigene Kinder“.
Frau Beckmann stammt aus einem sehr christlichen Elternhaus, ihren Mann hat sie bei einer kirchlichen Festlichkeit kennengelernt und sehr rasch nach Hause mitgebracht. Die Eltern haben den jungen Mann sehr geschätzt, und als sie sich mit 18 Jahren verlobt hat, war man allseits zufrieden. Mit 19 Jahren hat sie geheiratet, sechs Monate später wurde der älteste Sohn geboren. Diese etwas frühzeitige Geburt wurde in der elterlichen Familie nicht erwähnt, sie hat sich aber damals ziemlich gegrämt, weil sie wußte, daß ihre Eltern davon nicht erbaut waren und einen vorehelichen Geschlechtsverkehr als unmoralisch ansahen. Dies hat ein bis zwei Jahre einen leichten Schatten auf das Familienglück geworfen, aber irgendwann war auch dies vergessen und vergeben.
Frau Beckmann hat trotz der drei Kinder immer gearbeitet, weil ihr die Arbeit bei einer kleinen, aber sehr guten kirchlichen Zeitschrift sehr große Freude gemacht hat, zumal man dort auf ihre Familienpflichten sehr viel Rücksicht nahm. Ihre Position War zwar die einer Sekretärin, faktisch aber hat sie am Produktionsprozeß selbst sehr viel mitgestaltet, hat auch ab und zu selbst etwas geschrieben und war ganz und gar identifiziert mit ihrer Zeitschrift.
Ihre Position wurde etwas schwierig, als ein junger Mann als Redakteur angestellt wurde, mit dem sie sich überhaupt nicht vertrug. Sie empfand ihn als „schlampig, aufsässig, allzu progressiv“ und fühlte sich außerdem durch ihn abgewertet. Er wollte sie auf den „Sekretärinnen-Status“ zurückdrängen, den sie schon längst verlassen hatte, gab ihr unhöfliche und anmaßende Anweisungen und erwartete von ihr keine eigenständige Arbeit. Ihr Chef, mit dem sie sich bisher gut verstanden hatte, nahm in diesem stillen Kampf kaum Partei, er fand, daß dieser junge Mann sehr begabt sei und die Zeitschrift „modernisieren“ könne. In der damaligen Zeit sei auch die Kirche ganz gehörig ins Kreuzfeuer geraten, und jener junge Mann hätte, ihrer Meinung nach, ruhig etwas vorsichtiger sein können in seiner Kritik. Sie muß aber zugeben, daß durch ihn die Zeitschrift wieder etwas „peppiger“ wurde.
Der erste Angstanfall war sehr dramatisch, und sie erinnert sich sehr gut daran, weil er etwas mit diesem jungen Mann zu tun hatte. Es gab nämlich damals eine recht scharfe Auseinandersetzung in der Redaktion, sie selbst hatte protokollierend daran teilgenommen und hatte sich innerlich sehr engagiert. Als der junge Mann eine ihrer Meinung nach allzu diffamierende Äußerung über die deutschen Bischöfe machte (sie erinnert sich an das Wort „die korrupte onanierende Bagage da oben“), wurde es ihr aber zuviel, und sie rügte diese Ausdrucksweise. Der junge Redakteur sagte daraufhin: „Sie bleiben bei Ihrem Protokoll, ja?“ und überging sie. Es wurde ihr heiß und kalt, sie konnte gerade noch die Sitzung überstehen, und als der junge Mann sich nach der Sitzung bei ihr entschuldigte, gab der Boden unter ihren Füßen nach, und sie wurde ohnmächtig. An die daraufhin entstehenden Aufregungen erinnert sie sich heute noch mit großer Pein: Sie genierte sich fürchterlich, der Chef fuhr sie nach Hause, und im Laufe des Tages erholte sie sich. Von da an aber gab es, für sie unerklärlich, auch ohne besonderen Anlaß immer wieder kleinere und auch größere Anfälle von Unwohlsein und Hitzewallungen, verbunden mit Angst. Nach etwa zwei Monaten konnte sie nie sicher sein, ob sie den Tag heil überstehen könne, das Weggehen von zu Hause wurde immer schwieriger. Ihr Mann brachte sie damals regelmäßig zur Arbeit und holte sie ab. Als er einmal für ein paar Tage verreist war, merkte sie, daß es ihr unmöglich war, das Haus zu verlassen. Seither datiert die Straßenangst, die kleineren Angstanfälle traten gelegentlich auch noch auf, zur Zeit aber dreht es sich vor allem um ihre Unfähigkeit, das Haus alleine zu verlassen. Wenn sie von jemandem begleitet wird, hat sie wenig Angst und kann ohne weiteres kleine Besorgungen machen und sogar in die Stadt fahren.