Fallbeispiel Jaeggi - 1. Psychoanalytische Therapie
PSYCHOANALYTIKER: (wartend, freundlich) Nun?
Psychoanalytische Methoden
- Das Unbewusste
- Übertragung und Gegenübertragung
- neurotische Abwehrmechanismen
- Therapeut_in ist wissend
PATIENTIN: Ich glaube, Sie wissen schon… (Schweigen)
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: passiv,…ich als Vaterfigur,
die alles weiß… ich soll die Dinge in die Hand nehmen…
sie unterwirft sich…) Was sollte ich denn wissen?
PATIENTIN: Nun ich dachte… also es geht um meine
Straßenangst; ich habe dies der jungen Frau schon erzählt,
aber vielleicht wollen Sie es ja auch noch in meinen Worten hören?
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: hat also genügend Kraft, ihre Passivität zu überwinden… gutes Zeichen… intelligent… versucht sich einzufühlen in mich… ist vielleicht auch problematisch, schnell die Bedürfnisse des anderen…) Vielleicht erzählen Sie einfach, was Ihnen gerade in den Sinn kommt? Ganz ungefiltert!
PATIENTIN: Es geht also um meine Unfähigkeit, das Haus alleine zu verlassen, ich habe das schon seit vierzehn Jahren, mal besser, mal schlechter…
PSYCHOANALYTIKER: Hmm.
PATIENTIN: Sie kennen das sicher… ich muß Ihnen nicht erzählen, wie sehr das mein Leben einschränkt, obwohl ich mich ja auch irgendwie damit… also manchmal denke ich: es hat so sein sollen, und es hat ja auch irgendwie sein Gutes, ich war viel zu Hause in der Jugendzeit der Kinder.
PSYCHOANALYTIKER: Da war es also eigentlich gar nicht so notwendig, das Haus zu verlassen?
PATIENTIN: Na ja, das ist so zwiespältig; ich hätte schon gerne noch meinen Beruf ausgeübt, aber irgendwie war es daheim dann auch ganz angenehm, obwohl… da gibt es dann schon auch immer Gelegenheiten, wo man es bedauert… Aber die Kinder haben mir auch sehr viel geholfen, mich begleitet, für mich eingekauft und so. Ich habe sehr freundliche Kinder, und auch Enkelkinder.
PSYCHOANALYTIKER: Hmm.
PATIENTIN: Ja, und dann war es halt auch so mit den Reisen. Irgendwann wollte mein Mann, daß wir mehr unternehmen, nicht nur immer dasselbe Feriendomizil in Österreich Dort auf dem Lande konnte ich übrigens immer ohne Angst ausgehen.
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: dort ist also keine Gefahr, welche immer es auch ist, dort werden also vermutlich verbotene Wünsche nicht wach) Hmm…
PATIENTIN: Aber eben mit dem Reisen, das hat mir große Angst gemacht. Ich will doch meinem Mann nicht das Leben noch mehr einengen, als es sowieso ist, aber ich konnte mich nicht durchdringen zu solch einer Reise. Er möchte so gerne nach Ägypten, das hat ihn schon in seiner sehr ärmlichen Jugend gereizt, er weiß auch viel darüber.
PSYCHOANALYTIKER: Ist das der Grund, weshalb Sie erst jetzt Therapie suchen?
PATIENTIN: Ja, ich weiß nicht… und… und, ja, vielleicht ist es ja in meinem Alter viel zu spät… Ich habe eigentlich auch mit einer Frau als Therapeutin gerechnet… entschuldigen Sie, also, ich rede da jetzt vielleicht ein wenig durcheinander, aber die Situation… Was wollten Sie eigentlich noch wissen?
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: warum ist sie wohl gerade jetzt verwirrt, sie möchte mich wiederum zum Führer des Gesprächs machen, wahrscheinlich Angst, daß dies eine allzu intime Situation ist, Abwehr durch die Bemerkung über das Alter - wir sind geschützt durch unser Alter?- und Hoffnung, daß bei einer Therapeutin die von ihr befürchteten Probleme nicht auftreten: damit wäre dann die Situation nicht gefährlich?…) Wenn man älter ist, sieht man aber manche Dinge auch mit mehr Distanz, denke ich, man muß dann nicht mehr alles sofort haben.
PATIENTIN: (lacht irgendwie freudig, fühlt sich vielleicht in ihren unbewußten Befürchtungen verstanden?) Ja, das stimmt, auf manches kann man auch verzichten, man muß nicht alles haben.
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: sie spricht also jetzt von uns beiden, sie hat schon Vorsorge getroffen, daß ich nicht eine allzu große Gefahr werde… aber allzu leicht werde ich es ihr nicht machen…) Aber manche Wünsche setzen sich doch durch, auch wenn man alt ist. Allzuviel Altersweisheit ist vielleicht auch nicht ganz das Richtige? Wo soll die bei Ihnen zum Beispiel aufhören?
PATIENTIN: (gerät ein wenig in leichten Flirtton und beweist damit, daß sie die Ebene des Gesprächs gut begriffen hat) Naja, es kommt darauf an, ich möchte meinem Mann zum Beispiel noch lange eine richtige Frau sein, also sowohl erotisch als auch eine Partnerin… ich meine, das kann man ja immer… aber auch wenn man als Frau, ich meine, die Falten sind ja nun auch nicht mehr zu übersehen und die vielen grauen Haare, na ja…
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: sie möchte doch auch für mich noch als Frau attraktiv sein, ihre sexuellen Wünsche sind also sehr offen angesprochen…) Auch wenn man älter ist, kann man sexuelle Wünsche haben…
PATIENTIN: Ja, natürlich. Ich meine, wenn man gut verheiratet ist, dann ist das ja auch eigentlich kein Problem, ich verstehe mich mit meinem Mann ja sehr gut, aber mir tun alle älteren Frauen leid, bei denen dies nicht der Fall ist.
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: die sexuelle Zufriedenheit mit dem Ehemann ist vermutlich nicht so groß, braucht sie zur Absicherung… kommt mir vor wie ein junges unschuldiges Mädchen, das sich noch nicht so recht traut. Das ist eigentlich schon die ganze Zeit spürbar…) Es ist beruhigend zu wissen, daß da einer ist, der abschirmt und Sicherheit gibt, Ihr Mann tut dies auf vielen Gebieten?
PATIENTIN: Ja, eigentlich auf sehr vielen; er ist sehr Verständnisvoll und läßt mir sehr viel Freiheit, aber wenn es not tut, ist er immer wieder da. Wir haben voreinander keine Geheimnisse.
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: außer denen, die du selbst nicht kennst… vielleicht deinen Hunger nach Leben außerhalb… der Ehemann scheint wohl eher Vater als Geliebter) Hmm.
PATIENTIN: Ja, als es mir so schlechtgegangen ist, da haben wir auch sehr viel überlegt, warum mich dieser Konflikt mit dem Redakteur so mitgenommen hat, daß ich eben ein Mensch bin, der so schlecht geeignet ist für Unfrieden, weil bei uns daheim ja auch alles immer sehr friedlich zugegangen ist. Mein Mann hat mir da sehr geholfen, er hat das gut verstanden, daß ich mit diesem Mann nicht auskomme; das alles ist ihm auch fremd, diese ganze Aufschneiderei und diese Gossensprache und - aber glauben Sie nicht, daß er irgendwie verzopft ist; er hat schon auch seine Kritik an der Kirche und an der Gesellschaft, und damals konnte man ja gar nicht anders, als da hineingezogen zu werden,…
PSYCHOANALYTIKER: Hmm.
PATIENTIN: Ja, und da hat mein Mann schon auch Kritik gehabt, aber eben auf eine ordentliche und respektvolle Weise, ich kann nicht so wild dreinschlagen und er auch nicht. Vielleicht sollte man das ja lernen in unserer Zeit - aber es geht auch so, denke ich.
PSYCHOANALYTIKER: (denkt: Idealisierung des Mannes ist jetzt notwendig, weil sie sich schon zu sehr mit mir eingelassen hat… darf ich nicht in Frage stellen, sonst wird die Abwehr größer… die Wünsche nach Wildheit und nach „Gosse“ sind ja sehr deutlich… vielleicht hier einige Barrieren lockern?) So ein wenig Revolution Wäre ihnen beiden damals und vielleicht auch heute schon recht gewesen - aber es muß ja nicht gleich ganz so grob sein?
PATIENTIN: Ja, was mich damals im Gefolge der Achtundsechziger schon abgestoßen hat, war diese fürchterliche Sprache, immer mit „Scheiße“ und so und dieses ungewaschene zottlige Aussehen…
PSYCHOANALYTIKER: (in der vorherigen Linie weiterdenkend) Das hat bei Ihnen viele Gefühle, vor allem Abscheu ausgelöst. Ich kann mir denken, daß es wirklich in sehr krassem Gegensatz zu Ihrem sonstigen Leben und Ihrem Herkommen steht, sich so zu benehmen wie zum Beispiel dieser junge Redakteur.
PATIENTIN: Ja, sowas kann ich höchstens bei Pubertierenden verstehen, aber nicht bei einem ausgewachsenen Mann.
PSYCHOANALYTIKER: Und Ihre eigene Pubertät?
PATIENTIN: (lacht) Ach, da waren wir doch alle so brav, so etwas hat es bei uns nicht gegeben, man hat einfach nicht revolutioniert.
PSYCHOANALYTIKER: Höchstens damit, daß Sie etwas früher als erlaubt mit Ihrem Mann geschlafen haben.
PATIENTIN: (verblüfft) Ja, stimmt, das ist eigentlich auch so etwas wie eine kleine Revolte gewesen.
Es folgen Erzählungen über das Elternhaus mit seiner moralischen Strenge und über kleine Revolutiönchen - halb lachend, halb bedauernd, daß man allzu brav gewesen ist. Der Therapeut hat jetzt in seinem Kopf ein erstes Bild von der Bedeutung des Anlasses der Krankheit: Der junge Mann hat vermutlich alle bisher zurückgedrängten sexuellen und aggressiven Bedürfnisse der Patientin bis dicht an die Grenze des Bewußtseins gehoben. Sie hat sich sofort geschützt davor, diesen Versuchungen zu erliegen, indem sie sich ans Haus gefesselt hat. Es wird nötig sein, das strenge Über-Ich der Patientin zu lockern, ihr eigene Wünsche nach Leben und Freiheit als nicht so gefährlich darzustellen.