Fallbeispiel Jaeggi - 2. Kognitiv-Verhaltenstherapeutische Therapie
Verhaltenstherapeutische Methoden
- Naturwissenschaftlich Haltung
- Fehlverhalten = schlechter Konditionierung
- Neukonditionierung
- Training
- Agierende/Lehrende Haltung der Therapeutin
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Was führt Sie her?
PATIENTIN: Ich glaube, Sie haben das Gutachten…
soll ich… (Schweigen)
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Ich denke, es wäre ganz gut,
wenn Sie mir nochmals in Ihren eigenen Worten
erzählen, was Ihr Problem ist; man macht sich als
Therapeut ja doch gerne ein ganz eigenes Bild. Aber
ich darf Sie unterbrechen, wenn mich irgend etwas
besonders interessiert?
PATIENTIN: Ja, natürlich. Also, es geht um diese Straßenangst. Seit vierzehn Jahren gehe ich nicht mehr aus dem Haus ohne Begleitung. Früher hatte ich auch sonst noch immer wieder solche Angstanfälle, aber die sind jetzt eigentlich selten, also deshalb würde ich nicht Therapie machen.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Welche Begleitung bietet sich denn da an? Wer ist denn der Hauptbegleiter?
PATIENTIN: Also, das ist natürlich vor allem mein Mann.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Aber der ist ja noch berufstätig?
PATIENTIN: Ja, ja, untertags gehe ich auch nicht oft weg, aber gegen Abend, da machen wir Besorgungen oder gehen auch spazieren.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Das geht dann ohne Angst?
PATIENTIN: Ja, vollkommen.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: (denkt: diese Verstärkung muß sicher ziemlich bald abgestellt werden, ich werde auch mit dem Ehemann sprechen müssen) Ihr Mann ist da auch nicht ärgerlich? Ich meine, nach einem Arbeitstag will man ja vielleicht auch mal einfach lang liegen oder fernsehen oder so…?
PATIENTIN: Ach, das gibt es natürlich auch, das ist ja klar; aber normalerweise ist er sehr geduldig, er ist sowieso eine Seele von einem Menschen.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Ich würde mich irgendwann auch ganz gerne mit ihm unterhalten, meinen Sie, er macht da mit? Natürlich nur, wenn auch Sie damit einverstanden sind.
PATIENTIN: O ja, gut, daß Sie es sagen: Er wollte eigentlich sowieso mit hereinkommen. Wenn Sie wollen, können wir ihn gleich rufen.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Nicht jetzt, zuerst will ich doch noch sehr viel mehr über Ihre Sicht der Dinge hören. Welche Vorstellung haben Sie denn, wie sich das Ganze entwickelt hat?
PATIENTIN: Darüber habe ich schon viel nachgedacht und auch mit meinem Mann darüber gesprochen. Es hat damals begonnen, als es im Büro soviel Ärger gab. Sie hatten da einen neuen jungen Redakteur eingestellt, der war ziemlich ekelhaft, so dieser Typ: Jungrevolutionär. Mit dem kam ich nicht zurecht.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Ach ja, da sind Sie bei einer Redaktionskonferenz ohnmächtig geworden.
PATIENTIN: Richtig. Das war der Beginn. Und wir, mein Mann und ich, haben später, als sich das so ausgeweitet hat, ziemlich viel darüber gesprochen, warum mich das alles so aufgeregt hat.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Was meinen Sie, warum?
PATIENTIN: Ja, ich bin sicher keine Kämpfernatur, mir macht das viel aus, wenn jemand mich so direkt angreift und abwertet. Meine ganze Erziehung war da völlig anders. Wir mußten immer höflich sein, es gab einfach eine sehr strenge Form… und in unserer eigenen Familie ist es eigentlich ähnlich… ich meine, natürlich gehen wir mit der Zeit, und wenn unsere Kinder einmal „Scheiße“ sagen, dann fallen wir auch nicht in Ohnmacht, aber besonders gerne habe ich diese Gossensprache wirklich nicht.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Gehen wir noch einmal zurück zu den Zeiten, in denen Sie in Begleitung ausgehen. Gibt es außer Ihrem Mann noch andere Personen, die Ihnen da behilflich sind?
PATIENTIN: Na ja, meine Tochter natürlich, die wohnt ja noch daheim; und früher waren es alle drei, die mir geholfen haben. Ich habe aber versucht, sie nicht allzusehr zu beanspruchen. Ja, und dann habe ich noch eine gute Freundin, die lebt alleine, nicht sehr weit weg von mir: die geht mit mir auch schon mal weg.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Wohin?
PATIENTIN: Ach, mal ins Kino - obwohl… da muß ich dann schon einen Eckplatz nahe am Ausgang haben, weil ich noch immer diese Angst nicht loswerde vor dem Ohnmächtigwerden. Mir wird es auch oft ein wenig komisch im Kino. Ja… und manchmal waren wir auch schon im Café, meine Freundin legt da großen Wert drauf. Ich selbst könnte auch ohne auskommen. Ich finde, mein Kaffee schmeckt sowieso besser, und Kuchenbacken ist eine Lieblingsbeschäftigung von mir.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Aber es kommt also schon vor, daß Sie ins Café gehen?
PATIENTIN: Ja, ab und zu…
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Was würden Sie sagen, wie oft pro Woche kommen Sie also raus?
PATIENTIN: Also, drei- bis viermal sicher, aber eben nur in Begleitung und meistens auch nicht soweit weg. Ich fühle mich irgendwie sicherer in meiner vertrauten Umgebung.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Können Sie U-Bahn fahren oder in ein großes Kaufhaus gehen?
PATIENTIN: Habe ich ganz vergessen. Also: Die U-Bahn ist ganz unmöglich, da wird es mir sofort schlecht. In ein großes Kaufhaus: na ja, wenn es Weihnachtstrubel ist oder Schlußverkauf oder so - dann lieber nicht, aber an einem ruhigen Vormittag war ich mit meiner Freundin schon auch dort.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Sie haben vorhin gesagt, Sie seien keine Kämpfernatur. Gibt es auch andere Gelegenheiten, wo sich das irgendwie zeigt?
PATIENTIN: (lacht) Da haben Sie den Finger sicher auf einen wunden Punkt gelegt, vielleicht könnte man das auch gleich ein wenig mitbehandeln? Ich kriege sehr schnell Angst, und wenn Konflikte drohen, da gebe ich dann meistens nach.
VERHALTENSTHERAPEUTIN: Fällt Ihnen vielleicht irgendein Beispiel ein, das in letzter Zeit geschehen ist, wo Sie sich geärgert haben und eigentlich Ihren Willen ganz gerne durchgesetzt hätten, sich aber nicht getraut haben?
Die Patientin erzählt einige Episoden, die ihre geringe Durchsetzungskraft aufzeigen. im Therapeuten bilden sich erste Vorstellungen, wie man therapeutisch vorgehen könnte: mentales Training (Systematische Desensibilisierung), später In-vivo-Training bezüglich ausgewählter Angstsituationen (Kaufhaus, U-Bahn); Arbeitsbündnis mit Ehemann, eventuell auch mit der Freundin, daß sie schrittweise ihre Begleitung zurückziehen; genauere Besprechung verschiedener Situationen, die Durchsetzung verlangen, eventuell Übungen im Rollenspiel. Herausarbeiten der irrationalen Befürchtungen bezüglich dessen, was bei mehr Durchsetzungswillen geschehen könnte.