Fallbeispiel Jaeggi - 3. Gesprächstherapeutische Therapie


Personzentrierte Psychotherapie

  • Empathie,
  • Kongruenz,
  • Bedingungslose Bewertung,
  • Nicht wissen

GESPRÄCHSTHERAPEUT: Ich habe den Bericht von
Frau Doktor Glaser gelesen, ich weiß also ungefähr,
worum es geht. Erzählen Sie mir einfach das, was
für Sie im Moment das Wichtigste ist. Sie wissen ja,
daß ich nicht der Meinung bin, daß Sie von mir
irgendwelche Ratschläge oder gar Diagnosen brauchen
können. Ich will zuerst einmal nur Versuchen, Ihre
Lage zu verstehen.
PATIENTIN. Ja, das Wichtigste ist eben die Sache mit meiner Straßenangst, die habe ich ja schon sehr lange. Da muß sich jetzt endlich etwas ändern…
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: warum sie wohl gerade jetzt kommt? Hat das etwas mit dem Alter zu tun? Ich muß ihre Aktivität ansprechen) Und Sie haben sich daher entschlossen, jetzt endlich das Problem anzupacken?
PATIENTIN: Ja, obwohl… ich weiß nicht, ich habe ja schon sehr viel versucht und bin immer wieder gescheitert. Und in meinem Alter…?
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: es gibt ja wahrscheinlich eine Art Wendepunkt, eine neue Kraft, neben der Angst wenn man die anspricht, weicht sie zurück) Hmm.
PATIENTIN. Manche sagen zwar, für eine Therapie ist man in meinem Alter schon nicht mehr geeignet, aber vielleicht stimmt das ja gar nicht!
GESPRÄCHSTHERAPEUT: Ich spüre da in Ihnen neben der Angst auch Mut. Die Angst fürchtet, es könne zu spät sein, die Gegenkraft aber läßt sich nicht so leicht kleinkriegen.
PATIENTIN. Ja, ich wollte zuerst gar nicht kommen, aber wenn ein Termin abgemacht ist… Ich wollte Sie da auch nicht einfach sitzen… ich meine, es war ja gar nicht so einfach, den Termin zu kriegen… und ich wollte auch wirklich… und es wäre mir unangenehm…
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: das scheint eine Quelle von Ängsten zu sein, daß sie unangenehm auffällt, eine Belastung ist…) Sie hätten dann das Gefühl gehabt, zu mir unhöflich zu sein, wenn Sie mich warten lassen?
PATIENTIN. Ja, obwohl… ich verstehe schon, das ist ja für mich, eine solche Therapie, und vielleicht nehme ich ja immer zuviel Rücksicht. Das sagt mein Mann jedenfalls immer, aber ich bin froh, daß ich doch hier sitze. Obwohl: Es ist nicht ganz leicht, einem Fremden soviel von sich zu erzählen.
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: ich wende mich jetzt der tieferen Angst zu: daß sie nicht verstanden wird; die Angst, andere zu belästigen, wird sicher noch oft auftauchen, vielleicht hängen diese Dinge ja auch zusammen) Sie sind unsicher, ob Ihre innere Welt auch gut aufgehoben ist, ob Sie verstanden werden.
PATIENTIN: Ja, genau; ich habe nämlich schon so viele Ratschläge bekommen, von Freunden und von meiner Mutter und auch von meinen Kindern. Aber die wissen einfach nicht, was das heißt: solche Angst zu haben.
GESPRÄCHSTHERAPEUT: Dieses Unverständnis tut oft weh, denke ich.
PATIENTIN: (bekommt nasse Augen) O ja, ich will ja doch keine Belastung sein für die anderen und bin es doch; immer bin ich auf Hilfe angewiesen, ich komme mir manchmal richtig behindert vor. Außer meinem Mann verstehen die anderen das auch nicht so ganz: daß ich mich einfach nicht zusammenreißen kann, ich hab's versucht, und es war schrecklich! Ich bin in der U-Bahn einfach ohnmächtig geworden, als ich's mal ausprobiert habe.
GESPRÄCHSTHERAPEUT: Diese Zusammenreiß-Ratschläge gehen wohl irgendwie an Ihrem Problem und Ihrer Person vorbei, die kann man nur so ganz von außen geben…
PATIENTIN: Ja, ich finde das auch brutal von den anderen, obwohl: Ich verstehe ja, daß man das unverständlich findet, wenn einer so etwas Einfaches wie Auf-die-Straße-Gehen oder U-Bahn-Fahren nicht kann.
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: das Wort „brutal“, das sie so unversehens gebraucht hat, deutet auf sehr viel Wut. Ob man die jetzt schon ansprechen sollte?) Daß es einfach ist, das sieht aber nur für die anderen so aus, für Sie ist es etwas Unüberwindbares. Ich hatte vorhin, als Sie das Wort „brutal“ gebraucht haben, einen kurzen Moment den Eindruck, daß Sie auch manchmal wütend sind über dieses Unverständnis.
PATIENTIN: Ach, na ja… wütend?… Ich weiß nicht… Aber das ist eben wirklich, wie Sie gesagt haben: unüberwindbar, es liegt vor mir wie ein ganz schwerer Klotz, oder besser: wie ein Riesenberg, den ich nur mit leichten Halbschuhen besteigen soll.
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: aha, das war zuviel, dazu braucht es noch Zeit, ich bleibe also bei den etwas gemäßigteren Anklagen) Andere haben vermutlich dicke Bergschuhe und können nicht sehen und nachempfinden, wie ein solcher Berg mit leichten Sommerschuhen…
PATIENTIN: (freudig) Ja, ja, und ich stehe da davor und weiß genau: Es geht nicht, wie immer ich es anstelle, ich kippe um und rutsche und so…
GESPRÄCHSTHERAPEUT: Und die Angst wird immer größer, und Sie können das den anderen gar nicht begreiflich machen, mit Ihrer Angst fühlen Sie sich da ganz allein gelassen.
PATIENTIN: Ja, aber eigentlich möchte ich ja auch gar nicht, daß ich die anderen damit belaste, ich bemühe mich ja so sehr, ein fröhliches Gesicht zu zeigen, aber irgendwie ist diese Angst immer im Hintergrund. Meine Tochter hat aber erst unlängst gesagt: „Unsere Mami, die ist eigentlich eine Frohnatur“, das hat mich einerseits gefreut, aber andrerseits habe ich mir gedacht: „Kind, wenn du wüßtest!“
GESPRÄCHSTHERAPEUT: (denkt: diese tapfere Fassade zeugt ja auch von Kraft, die muß herausgeholt werden) Da ist eine ganz tapfere Seite in Ihnen, die an die anderen denkt, aber das macht auch, daß Sie sich in Ihrer Angst sehr alleine gelassen fühlen?
PATIENTIN: Ja, das stimmt. Auch die liebsten Menschen, nicht einmal mein Mann, können mich da wirklich verstehen.

Der Therapeut spürt sehr genau, wie isoliert die Patientin sich in ihrer Angst fühlt, wie tapfer sie sich bemüht, das Gesicht nicht zu verlieren und wieviel Energie sie das kostet. Er kann sich gut vorstellen, daß sie die Schwierigkeit, die ihr die Rücksicht auf die Familie bringt, in die nächsten Stunden einbringen wird und daß sie die Angst thematisieren könnte, die es ihr macht, von anderen Menschen nicht respektiert zu werden. Er hat aber auch schon einen Bruchteil der Aggression erspürt, den die Patientin fühlt, den wird er nicht aus den Augen lassen. Seine Haltung: einerseits: abwarten, was kommt, und immer dicht am Gefühlsanteil bleiben, andererseits: sich den auftauchenden Aggressionen zu stellen und auch in der therapeutischen Situation darauf achten, wenn sich Mut und Aggression zeigen.