Fallbeispiel Jaeggi - 4. Gestalttherapeutische Therapie
Gestalttherapeutische Psychotherapie
- Kontakt
- Kontaktunterbrechung
- Konfrontativ
- Leerer Stuhl
- Körperbezogen
GESTALTTHERAPEUT: Nun?
PATIENTIN: Sie haben ja wahrscheinlich das Gutachten
von Doktor Glaser bekommen und wissen Bescheid?
GESTALTTHERAPEUT:: Ja, aber wenn Sie mir selbst die
für Sie wichtigsten Dinge erzählen, dann ergibt es
doch auch wiederum ein anderes Bild. Was ist denn für
Sie zur Zeit von Bedeutung?
PATIENTIN: Nun, vielleicht das Wichtigste… ja, ich
denke, es fällt mir immer schwerer, so auf andere angewiesen zu sein. Obwohl: mein Mann ist eine Seele von Mensch, der beklagt sich nicht, aber ich merke doch… ja, und dann meine Tochter wohnt ja noch daheim, ich will ein so junges Mädchen auch nicht dauernd belästigen. Wissen Sie, solange die Kinder klein waren, da war das alles eigentlich nicht so schlimm, ich war halt einfach immer zu Hause, da haben die auch etwas davon gehabt…
GESTALTTHERAPEUT: (denkt: welche Vorteile hat sie wohl von ihrem Symptom? Daß sie dauernd für andere da sein muß: welchen Vorteil hat das?) Aber jetzt, so denken Sie, wird die Belastung allzu groß?
PATIENTIN: Ja, irgendwie… ich weiß nicht… ich versuche ja sehr, nicht zur Last zu fallen, und meine Tochter hat es eigentlich doch recht bequem zu Hause, die will ja auch nicht so bald ausziehen (lacht). „Hotel Mama“ ist eben ganz schön, vor allem schätzt sie meine Küche sehr!
GESTALTTHERAPEUT: (denkt: sie muß irgendwie unterschwellig darauf gebracht werden, daß ihr Symptom auch etwas einbringt) So daß es auch gar nicht allzuviel verlangt ist, wenn sie ihrer Mutter dann auch hilft, über gewisse Schwierigkeiten hin Wegzukommen ?
PATIENTIN: Na ja, ich weiß nicht…
GESTALTTHERAPEUT: Was brauchen Sie denn von Ihrer Tochter?
PATIENTIN: Das ist eigentlich unterschiedlich, was eben gerade anfällt… mal geht sie mit mir zum Zahnarzt, mal begleitet sie mich zum Einkaufen… aber eigentlich tut das ja meistens mein Mann.
GESTALTTHERAPEUT: Kann man sagen: Das Leben Ihrer Tochter ist viel weniger eingeschränkt als das Ihres Mannes?
PATIENTIN: Ja, sicher. Allerdings: (lacht) Man könnte auch sagen, daß ich eine einfach zu erhaltende Frau bin. Wissen Sie, ich brauche ja zum Beispiel sehr wenig Garderobe. Wenn man nicht rauskommt, fällt einem ja gar nicht auf, was gerade modern ist. Meine Freundin macht mich manchmal darauf aufmerksam, daß man zum Beispiel diese Pfennigabsätze jetzt nicht mehr trägt, dabei habe ich noch eine ganze Menge Schuhe aus dieser Zeit. Oder diese Folklore-Kleider, die hab ich früher auch gerne getragen - angeblich ist das out. Also: Viel Geld muß mein Mann für mich nicht ausgeben. Friseur erspare ich ihm auch: Ich kann mich gut selbst frisieren, und schneiden kann meine Freundin Renate. Und. ich arbeite für ihn ja auch eine ganze Menge, es gibt soviel zu tippen, leider hat er eine Sekretärin, die dauernd krank ist, und da springe ich sehr oft ein. Die Buchhaltung für den Heimatverein führe ich und eben den ganzen Haushaltskram. Ich mach das alles gerne.
GESTALTTHERAPEUT: (denkt: es ist wichtig, daß sie nicht allzu sehr auf die Schuldenseite fällt, sonst sinkt ihr Selbstbewußtsein zu sehr ab) Wenn ich es also resümiere: Gar so sehr eingeschränkt ist Ihre Familie durch Ihre Straßenangst nicht. In gewisser Weise profitiert sie sogar von einer Frau und Mutter, die für alles sorgt, was innerhalb des Hauses vor sich geht. Sie brauchen eigentlich nur die eine Sache: daß man sie gegebenenfalls begleitet.
PATIENTIN: Ja, aber das ist eben doch auch schwierig für die anderen… Ich meine es wäre schöner, wenn sie eine normale Mutter hätten.
GESTALTTHERAPEUT: (denkt: wir müssen nun einmal die Seiten wechseln) Sie haben jetzt die ganze Zeit über die Belästigung gesprochen, die Ihre Familie durch Ihre Krankheit erfährt. Mir fällt auf, daß Sie über Ihre eigenen Probleme damit noch gar nicht geredet haben.
PATIENTIN: (zögerlich) Ja… ich denke. Meine Probleme und die meiner Familie hängen ja doch zusammen, ich kann da gar nicht trennen.
GESTALTTHERAPEUT: Hmm.
PATIENTIN: Ja, ich meine, wenn man wirklich in einer Familie lebt, muß man sich einfügen.
GESTALTTHERAPEUT: Obwohl man ja doch auch noch ein eigener Mensch ist, oder?
PATIENTIN: Ja, klar…
GESTALTTHERAPEUT. Ich habe den Eindruck, daß Sie sehr intensiv an das Wohlergehen der anderen denken und nicht so sehr an das eigene - kann das stimmen?
PATIENTIN: Ja, irgendwie… doch!
GESTALTTHERAPEUT: Nur Ihre Angst erlaubt es Ihnen, ein wenig Unterstützung von den anderen zu erlangen?
PATIENTIN: Ich glaube, ja, da muß es einfach sein…
GESTALTTHERAPEUT: Mir fällt schon die ganze Zeit auf, daß Sie sich eine recht unbequeme Haltung auf dem Stuhl ausgesucht haben - wenn ich mich in Sie hineinversetze: so als mußten Sie dauernd das Gleichgewicht wahren, so am. Rand des Stuhles balancierend. Sie nehmen sowenig Raum wie nur möglich ein. Empfinde ich das richtig?
PATIENTIN: (abwehrend) Ach, das macht mir. nichts, ich sitze ganz gerne ein wenig unbequem. Aber, vielleicht… (setzt sich tiefer in den Sessel) Ist es so richtig?
GESTALTTHERAPEUT: Das weiß ich nicht, aber vielleicht versuchen Sie doch einmal, den Stuhl für Ihre Bequemlichkeit zu nutzen?
PATIENTIN: (weiß nicht, was sie tun oder sagen soll)
GESTALTTHERAPEUT: Versuchen Sie doch einmal, sich noch bequemer hinzusetzen, sich so richtig zu fläzen, sich ganz an den Stuhl hinzugeben. Können Sie das?
PATIENTIN: (lacht und setzt sich noch tiefer in den Sessel, streckt die Beine aus)
GESTALTTHERAPEUT: Und jetzt bleiben Sie so sitzen und horchen einmal ein Wenig in sich hinein: Was empfinden Sie?
PATIENTIN: Es ist ganz schön, so entspannt… (bleibt einige Sekunden ruhig) Aber jetzt kommt so eine Unruhe auf… (bewegt sich ein wenig).
GESTALTTHERAPEUT: Versuchen Sie doch, diese Unruhe einen Moment auszuhalten, und beobachten Sie sich dabei - was geht jetzt in Ihnen vor? Wo sitzt diese Unruhe?
PATIENTIN: Hier direkt im Hals, es kribbelt… und auch im Bauch ein wenig… (atmet tiefer)… jetzt wird es besser… aber es bleibt schon noch Angst übrig.
GESTALTTHERAPEUT: Setzen Sie sich doch wieder so hin wie vorher, so am Sesselrand: Was empfinden Sie da?
PATIENTIN: (tut es und sitzt in der vorigen Position) Ja, jetzt ist dieses kribblige Gefühl weg.
GESTALTTHERAPEUT: Das haben Sie jetzt unter Kontrolle?
PATIENTIN: Ja, aber ich spüre jetzt die Anspannung besser als vorher.
GESTALTTHERAPEUT: Wenn Sie sich auch nur ein ganz klein wenig gehenlassen, dann gibt es dieses kribblige Gefühl. Vielleicht könnte es so etwas Ähnliches wie Angst sein - kann man das so sagen?
PATIENTIN: (verblüfft) Ja, das stimmt… mein Gott, wirklich…
Der Gestalttherapeut nimmt an, daß sich die Möglichkeit der Patientin, sich selbst etwas zu „gönnen“, als ein wichtiger Fokus herausstellen Wird. Er sieht die Neurose von Frau Beckmann als den Versuch an, sich von den anderen Unterstützung zu verschaffen, die sie sich «legal›› nicht verschaffen kann. Der Gestalttherapeut wird im Laufe der Therapie versuchen, sich mit diesem Thema auch biographisch zu befassen, aber der Schwerpunkt wird darin liegen, daß er immer wieder sehen will, wie sich das Unterstützt werden zwischen ihm und der Patientin darstellt.