Fallbeispiel Jaeggi - 5. Familientherapeutisch-systemische Therapie

Familientherapie

  • System ist das Thema
  • Rollen der verschiedene Agenten
  • Interpretiert
  • Das Individuum ist Symptomträger
  • Lösungen werden konstruiert

Es sind versammelt: ihr Ehemann Hermann, die Tochter
Janine, die beiden Söhne Micha und Wolfgang, die Mutter
der Patientin und die Freundin der Patientin, Renate.
Außerdem ein männlicher Therapeut und eine weibliche Therapeutin.
FAMILIENTHERAPEUTIN: Nehmen Sie doch Platz, einfach so
wie es gerade kommt.
(Als alle Platz genommen haben, entsteht Schweigen.)
FAMILIENTHERAPEUT: Wer möchte beginnen?
HERMANN BECKMANN: Ja, ich denke, das ist vielleicht
meine Aufgabe, weil ich so sehr darauf gedrängt habe,
daß wir diesen Termin bekommen. Nicht, daß ich selbst
so sehr unter der Straßenangst meiner Frau leide.
FRAU BECKMANN (leise): Ach doch, manchmal schon.
HERMANN BECKMANN: Nein, das Wäre für mich kein Grund, aber ich denke mir, sie hat selbst in der letzten Zeit sehr viel häufiger als früher gesund sein Wollen und deshalb…
MICHA: Ich fände es auch schön, wenn Mami wieder ein wenig mobiler wäre, ich meine, sie ist ja noch nicht alt und könnte viel mehr vom Leben haben.
(Langes Schweigen.)
FAMILIENTHERAPEUT: Ich finde es sehr schön, daß so viele aus der Familie mitgekommen sind
(Allgemeines Gemurmel: „Klar, natürlich, selbstverständlich.“)
FAMILIENTHERAPEUTIN: Nicht in jeder Familie würde das so gehandhabt.
JANINE: Aber wir sind eigentlich schon immer so eine Familie gewesen, wo… ich meine, eine Familie, die zusammenhält.
WOLFGANG: Ja, manchmal vielleicht ein wenig zu sehr.
FAMILIENTHERAPEUTIN: Können Sie uns ein wenig genauer erklären: in welcher Hinsicht „zu sehr“?

WOLFGANG (verlegen): Nicht, daß ich das nicht schön fände, aber… na ja, ich bin ja jetzt auch mit der Familie meiner Frau öfters zusammen, und da fällt es mir halt auf: daß die nicht soviel voneinander wissen wie wir, sich auch seltener sehen.
FAMILIENTHERAPEUT: Und wie finden Sie das?
WOLFGANG: Zuerst war es ein wenig komisch für mich, ich habe immer gedacht, meiner Freundin liegt nicht soviel daran, aber so ganz stimmt es nicht. Als ihre Mutter so krank war, hat sie sich immer sehr um sie gekümmert.
JANINE: Aber ich möchte nicht nur, wenn einer krank ist, Kontakt. Ich finde es gerade gemütlich, wenn wir so gesund und fröhlich zusammen sind, wie Weihnachten und so. Findest du das nicht auch schön?
WOLFGANG: Doch, natürlich, und Elena ist ja auch gerne dabei…
FAMILIENTHERAPEUTIN: Elena wollte heute nicht mitkommen?
WOLFGANG: Nein, sie hat gemeint, das sei eine innerfamiliäre Sache, da gehöre sie nicht hin.
HERMANN BECKMANN: Schade.
FRAU BECKMANN: Ach, das ist schon richtig so, sie muß sich nicht meinetwegen auch noch etwas aufhalsen.
FREUNDIN RENATE: Ich möchte dazu auch noch etwas sagen: Diese Familie ist nämlich einmalig, also auch für mich! Ich als Single habe dort ein Plätzchen wie in einer eigenen Familie, da fühle ich mich richtig wohl.
FAMILIENTHERAPEUTIN: Frau Kurze, Sie haben noch gar nichts gesagt. Wie empfinden denn Sie die Familie Ihrer Tochter?
FRAU KURZE: Ach, ich bin so froh, daß alles so friedlich ist. Aber diese Angstanfälle, die sie hat… die… das macht mir Sorgen. Ich glaube, da hat sie viel von meinem verstorbenen Mann, der war auch sehr sensibel.
FAMILIENTHERAPEUT: Durch diesen engen Zusammenhalt in der Familie ist aber die Straßenangst von Frau Beckmann gar nicht so schlimm: Sie bekommt ja von Ihnen allen viel Hilfe, denke ich.
FRAU BECKMANN: Ja, das stimmt, aber ich mochte keine Belastung sein und deshalb will ich auch gerne frei sein von dieser Angst.
JANINE: Du bist keine Belastung, das hab ich dir schon so oft gesagt. Wir alle machen doch gern etwas für dich.
MICHA: Ja, auch meine Frau, wir haben doch auch dafür immer wieder deine Gastfreundschaft in Anspruch genommen, die vielen Kuchen und die schönen Geburtstage für die Kinder… und so…
FRAU BECKMANN (lächelnd): Schon und gut, aber wenn diese Angst weg wäre, dann könnte das doch auch für euch schon sein, nicht?
HERMANN BECKMANN: Ich denke, das ist verständlich, wir hätten schon viel eher etwas machen sollen.
FAMILIENTHERAPEUT: Frau Beckmann, was denkt wohl Ihr Mann darüber, ob Sie für ihn eine Belastung sind?
FRAU BECRMANN: Ich… ich weiß nicht, also, er ist ja so rücksichtsvoll…
FAMILIENTHERAPEUT: Versuchen Sie doch einmal einen Satz zu formulieren, der die Meinung Ihres Mannes ausdrucken konnte.
FRAU BECKMANN: Ich, also, das ist schwer…
FAMILIENTHERAPEUT: Versuchen Sie es einfach.
FRAU BECKMANN: Also vielleicht…
HERMANN BECRMANN: Für mich ist es…
FAMILIENTHERAPEUT: Herr Beckmann, lassen Sie bitte Ihre Frau selbst überlegen.
HERMANN BECKMANN (beleidigt): Selbstverständlich, wenn -
FRAU BECKMANN: Also, mein Mann denkt vielleicht: „Mit einer gesunden Frau könnte ich sehr viel mehr unternehmen.“
FAMILIENTHERAPEUT: Herr Beckmann, hat Ihre Frau da etwas Richtiges getroffen?
HERMANN BECKMANN (verlegen): Na ja, solche Überlegungen kommen schon mal. Ich glaube, das ist klar: Aber eigentlich ist das nicht oft so. Aber - na, um ehrlich zu sein: Manchmal wünsche ich mir schon eine gesunde Frau, aber ich helfe ihr auch Wiederum gerne.
FRAU BECKMANN (unterdrückt ein Schluchzen)
FAMILIENTHERAPEUTIN: Herr Beckmann, was glauben Sie, was Ihre Frau über Ihre Hilfeleistungen sagen könnte?

(An diesem Punkt wird langsam klar, daß es den Familienangehörigen schwerfällt, sich voneinander zu lösen, daß keiner sich getraut, ohne den anderen Meinungen zu äußern, den anderen zu kritisieren und daß einer immer des anderen Sprecher sein möchte. Die Systemischen Familientherapeuten werden in den nächsten Sitzungen darauf hinarbeiten, daß die Familienmitglieder sich klarer voneinander unterscheiden lernen, daß das Elternpaar sich nicht dauernd mit der Familie befaßt, sondern sich von den Kindern distanziert, so daß Frau Beckmann aus der Rolle des bemutterten, behinderten Kindes heraustreten kann.)