Das Denken
Unsere Kultur hat einen ihrer Ursprünge bei den alten Griechen.
Die alten Denker (uns sind ausschließlich Männer bekannt) waren erstaunt über die Tatsache, dass es möglich ist, über die Welt zu sprechen. Das setzt eine konzeptuelle Trennung des Denkers von der Welt voraus. Diese Trennung erscheint uns heute selbstverständlich. Sie widerspiegel sich sogar in der Grundlage unserer Sprache, deren Grammatik auf Subjekt, Objekt und Partizip aufbaut. Andere Sprachen verzichten teilweise oder ganz auf diese Struktur. Die Trennung war damals nicht vollzogen, es wurde als geradezu erstaunlich empfunden, dass es überhaupt möglich war darüber zu denken. Damit haben sie sich beschäftigt.
Die Vorsokratiker
Mit der Entstehung der ersten Städte ist dort auch die erste gesellschaftliche Rolle des Denkers enstanden. Diese waren Personen, die es sich leisten konnten, viele Stunden am Tag mit "Denken" zu verbringen. Ähnlich wie Wahrsager_innen wurden sie von einfachen Menschen aufgesucht, die ihnen Naturalien brachten, um ihre Weisheiten zu hören.
Etwas Marketing war schon vorhanden, die Denker haben auffällige Verhalten als Markenzeichen angenommen. Einer davon war Heraklit von Ephesos. Er wurde "der Dunkle" genannt und hat es geliebt, obskure Sätze zu verwenden.
Mach nun hier einen Sprung zu den Vorsokratikern und setze die Lektüre danach hier fort.
Die Sophisten:
Das war also die Lage zur Zeit der alten Denker. Nun: ihre besondere Art zu sprechen und wohl auch das große Ansehen, das sie genossen haben, haben viele Leute dazu motiviert, daraus Kapital zu schlagen.
Das wurde zu einem Hype. Es enstanden Schulen, in denen es gelehrt wurde, wie ein Denker zu sprechen, Rhetorik, Sophismen... Mit der (griechischen) Sprache kannst du nicht nur über die Welt sprechen, du kannst auch die Welt beherrschen!
Machen wir wieder einen Sprung um die Sophisten zu besprechen. Danach setzen wir die Lektüre hier fort.
Die Philosophie
Die Sophisten verloren jedoch den Kampf. Dagegen haben sich dann die Philosophen formiert, die das Wissen geliebt haben, und die zwischen gutem und schlechtem Denken unterscheiden wollten, die den Widerspruch beseitigen wollten.
Die Trennung zwischen Wort und Natur, Subjekt und Objekt wurde vollzogen. Mit dem Werk Platos und Aristoteles ist der Widerspruch endlich aus dem Denken vertrieben. Es entstehen die Logik (und danach die Metaphysik) und die Physik. Das sind Disziplinen, die das Denken und die Natur beschreiben, jetzt aber bewußt ohne Widersprüche oder Mehrdeutigkeit.
Die Wissenschaft
Zu Zeiten Heraklits unmöglich gedacht zu werden, wird die Trennung zwischen mir und der Welt in der grössten Leistung des abendländischen Denkens münden, nämlich in der Wissenschaft. Dies wird in der Neuzeit am prägnantesten durch den Spruch Galileos ausgedrückt. Er sagt, dass der Sinn der Wissenschaft, der ist
alles zu messen, was messbar ist.
Damit drückt er den Dominanzanspruch der Wissenschaft sehr gut aus. Aber er bleibt nicht dabei. Dem Satz setzt er noch hinzu:
alles messbar machen, was nicht messbar ist!
Damit macht er - nein eigentlich spricht er nur aus, was Aristoteles schon vollzogen hatte - aus der Wissenschaft ein politisches Programm. Das bedeutet, dass wir kulturell in einer Welt leben, in der wir automatisch dazu "genötigt" werden, alles zu erklären, alles unter die Obhut eines rationalen Diskurses zu bringen.

Drawing Hands von M.C.Escher (dieses Bild ist copyright geschütz und wird hier als "faire" Benützung zur Illustration eines Selbstbezugs benützt)
Gleichzeitig aber ist dieses Gebot nicht ausführbar. Der Widerspruch lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Das wurde sogar in der strikten Mathematik durch den Unvollständigkeitssatz von Gödel erwiesen. Historisch ist es nachvollziehbar, denn bei Heraklit und den anderen Alten war der Widerspruch ja vorhanden. Aristoteles hat ihn nur "vergessen" (ich beziehe mich hier auf die Seinsvergessenheit von Heidegger). Der Grundgedanke hinter dem mathematischen Theorem ist der, dass es nicht möglich ist zu garantieren, dass in jedem Diskurs kein selbstbezogener Satz enthalten ist. Ein Selbstbezug ist ein Satz, über den nicht gesagt werden kann, ob er richtig oder falsch ist. Wenn ein solches "Biest" in deiner Theorie enthalten ist, dann bist du aufgeschmissen, deine Theorie ist wertlos. Ein einfaches Beispiel ist folgender Satz:
Du kannst dich nie entscheiden, ob er falsch oder richtig ist. Denn wenn er richtig ist, dann besagt er, dass er falsch ist... und wenn er falsch ist, dann ist seine Aussage eben richtig...!
Nun, was Gödel sagt ist, dass wir nie von vorne herein auschließen können, dass ein solcher Satz in einer Theorie inkludiert ist.
Diese Sachlage gilt in der Mathematik. Sie gilt in der Physik, und in allen anderen Naturwissenschaften. Sie gilt auch für alle anderen Wissenschaftsparadigmen. In der Psychotherapie, eine Wissenschaft dessen Untersuchungsbereich der Mensch selbst ist, sind wir die ganze Zeit mit dem Selbstbezug konfrontiert.
Damit haben wir eine der ganz wichtigen Grundlagen, auf der die moderne Psychotherapieforschung gegründet ist, erklärt.
"Eppur si muove"
Lass uns aber noch etwas weiter in die Geschichte der Wissenschaft blicken. Im achtzehnten Jahrhundert erschafft Isaac Newton in der klassischen Mechanik eines der ganz großen Meisterwerke der Physik. Ein so solides Werk, dass es heute noch - unverändert - in den modernsten Maschinen Anwendung findet. Ein weiteres herausragendes Werk von ihm war die Optik - mit der Erklärung der Brechung des Lichts in einem Prisma, die Farbenlehre (1704). 1791 schreibt kein geringerer als Goethe ein Traktat zur Optik, in dem er Newton zu widerlegen versucht. Göthes Autorität zum Trotz wird diesem Traktat kaum Glaubwürdigkeit geschenkt. Wir wissen heute, dass Newton zum Teil seine Ergebnisse "verschönert" hat. Die moderne Farbenlehre ist heute der von Göthe viel näher als der von Newton!
Das zur Sicherheit des wissenschaftlichen Denkens.
Der Satz "Eppur si muove - und sie bewegt sich doch" - wird oft als Zeichen des unbezwingbaren Geistes Galileos gesehen. Im Prozess gegen den Heliozentrismus soll er ihn leise nach seiner Verurteilung durch die Inquisition gesagt haben. In dem hatte aber die Kirche doch Recht: es ist nicht die Aufgabe der Wissenschaft über die Wahrheit zu sprechen. Ob sich in Wahrheit die Erde um die Sonne dreht oder umgekehrt, weiß, wenn überhaupt und wenn es ihn/sie gibt, nur Gott.
Was die Wissenschaft sagen kann, ist etwas ganz anderes: Wir haben eine Theorie, die das Sonnensystem beschreibt. Innerhalb dieser Theorie kann man gewisse Experimente konszipieren, die die Aussagen der Theorie mit einer gewissen Genauigkeit bestätigen. Dazu bleibt unvoreingenommen, dass noch kein Widerspruch innerhalb der Theorie gefunden wurde - sei es theoretisch oder experimentell. So ist es im natürlichen historischen Verlauf der Wissenschaft: fest etablierte Tatsachen wurden immer wieder revidiert und durch neue Theorien ersetzt.
Aktuelles Bild der Wissenschaften
Die vielleicht älteste Wissenschaft ist die moderne Physik. Mit ihren 600 Jahren Geschichte hat sie heute sehr vielfältige Weltbilder. Folgende wichtige Bereiche der Physik zeigen durch ihre unterschiedliche Logik die Spannweite dieser Weltbilder auf:
- Mechanik: lineare Kausalität
- Elektromagnetismus: systemische Kausalität
- Gravitationstheorie: globale Kausalität
- Quantenmechanik: verschränkte Kausalität
Wir sehen hier gut, dass die Physik keine Antwort darauf gibt, ob die Welt kausal ist, bzw. welche Form von Kausalität in der Welt herrscht. Es ist sogar umgekehrt: für jedes beliebige Weltbild kann eine Physik konstruiert werden, die diese Welt beschreibt.
Verschränkte, globale Kausalitäten sind Konstrukte, die sich vom einfachsten Weltbild der Physik, der Mechanik, das wir alle in der Schule gelernt haben, sehr stark unterscheiden. Solche Konstrukte teilt die Physik mit manchen esoterischen Weltbildern, was aber auf keinen Fall heißt, dass die Physik esoterisch wäre, oder solche Weltbilder erklären würde. Die sogenannte "Quantenheilung" teilt vielleicht manche Weltbilder mit der Quantenmechanik, ist aber nicht deswegen durch die Quantenmechanik belegbar oder gar verwandt.
Die moderne Physik sprüht vor schönen und inspirierenden Weltbildern, und es werden täglich mehr...!
Im Laufe der Jahunderte wurden andere Wissengebiete - dem Gebot Galileos folgend - verwissenschaftlicht. Diese jüngeren Wissenschaften haben sehr oft ganz andere Paradigmen. Beispiele davon sind die Geschichte und die Sozialforschung, Ende des 19-ten Jahrhunderts, und die Humanwissenschaften, Anfang des 20-ten.
In der Geschichte der Psychotherapiewissenschaft kann man das alte greichische Spannungsfeld sehr gut erkennen: Sigmund Freud selbst war Artzt und verfolgte in seinen ersten Jahren ein naturalistisches Paradigma. Im Laufe der Zeit wurden seine Schriften immer zu mehr literarischen Essays. Ähnliches passierte mit Karl R. Rogers.
Auch die wichtigen Psychotherapieschulen bewegen sich in diesem Spannungsfeld: Verhaltenstherapie, Systemische Therapie auf der einen Seite, Personzentrierte Psychotherapie, Existenzanalyse, Psychoanalyse auf der anderen Seite. Die Spannung ist lebendig und belebend - lasst uns sie nie überwinden!
Einen weiteren Ausdruck dieser Sachlage finden wir in den Forschungsmethoden. Auch hier reicht die Spannungsbreite von Falldarstellungen, literarischen Essays bis hin zu modischen evidenzbasierten Forschungsvorhaben. Im nächsten Kapitel schauen wir uns diese Methoden genauer an.
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