Einführung in den Zugang
Ich möchte mit dem Zitat eines Standardwerks beginnen:
"Qualitative Forschung ist eine eingebettete Handlung, die den Beobachter innerhalb der Welt platziert. Sie besteht aus einer Reihe von interpretativen konkreten Praxen, die die Welt sichtbar machen. Diese Praxen transformieren die Welt. Sie wandeln die Welt in einer Reihe von Darstellungen, Feldberichten, Interviews, Besprechungen, Fotografien, Tonbandaufnahmen und persönlichen Notizen um. Auf dieser Ebene schließt qualitative Forschung einen interpretativen naturalistischen Zugang zur Welt mit ein. Das bedeutet, dass der qualitative Forscher Sachen in ihrem natürlichen Umfeld untersucht, und dabei Phänomenen Bedeutung schenkt oder in der Weise interpretiert, wie es die Betroffenen selbst tun." ⚠ %popwin id=1 width=800 height=500%[[Inhalt.ProzessorientiertQualitativReferenzen?skin=triad|<sup>1</sup>]]
Wenn wir diesen Text lesen, entsteht das Bild eines ⚠ %popwin id=2 width=800 height=500%[[https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_von_Humboldt|<strong>Alexander von Humboldts</strong>]], als er in eine ihm völlig unbekannte Welt eintaucht und versucht, diese kennenzulernen, zu beschreiben, zu verstehen, von ihr zu berichten. So ähnlich ergeht es eine_r in der qualitativen Psychotherapieforschung: Die Forscher_in will verstehen, was in dieser "Welt" passiert. Dabei versucht sie, eine Haltung einzunehmen, die dieser neuen Welt nicht Vorurteilen bzw. vorgefassten Meinungen der "alten" Welt überstülpt. Sondern im Gegenteil, sie versucht in die der neuen Welt eigenen Logik einzutauchen. Sie versucht, wie oben geschrieben, "die Sachen in ihrem natürlichen Umfeld zu untersuchen, und dabei Phänomenen Bedeutung zu schenken oder in der einen Weise zu interpretieren, wie es die Betroffenen selbst tun". Das heißt die Forscher_in beschreibt die "Welt" aus den Bezugsrahmen der Betroffenen.
Diskutiere das Zitat in Kleingruppen
Aber was ist denn diese Welt, die untersucht werden soll, was ist ein psychotherapeutischer Prozess? Operativ können wir sagen, ein psychotherapeutischer Prozess besteht aus den Handlungen, Wahrnehmungen, Absichten, Gedanken, Gefühlen von Klient_in und Therapeut_in sowie aus ihren Beziehungen.
Die qualitative Forschung wird charakterisiert durch die:
1) vordergründige Nutzung von nicht-numerischen sprachlichen Daten.
2) Diese Daten werden weiters durch interpretative (hermeneutische) Verfahren analysiert.
3) Es ergibt sich daraus ein tiefes Verständnis über die Perspektiven der Teilnehmenden an dem psychotherapeutischen Prozess, über ihre Erfahrungen während des Prozesses und über den kommunikativen Austausch, der dem Prozess Form gibt.
Wir unterscheiden zwischen Makro- und Mikroanalyse.
Die Makroanalyse versucht, wie bei einer Breitwinkelkamera die Perspektive auf die Gesamtheit der Szene zu lenken. Typische Fragen sind: Was passiert im Laufe des gesamten Therapieverlaufes? Was ist das Ergebnis der Therapie aus der Sicht der Klient_in und/oder der Therapeut_in? Die Makroanalyse arbeitet zum Beispiel mit qualitativen Interviews und Fragebögen.
Andererseits zoomt die Mikroprozessforschung in die Details ein. Sie ist zum Beispiel interessiert, wie Klient_in und Therapeut_in ihren Austausch während einer oder mehrerer Sitzungen gestalten, wie sie ihre Erfahrungen in den Therapiesitzungen organisieren. Die Mikroanalyse arbeitet oft mit Aufnahmen und Transkriptionen der Sitzungen. Diese können zusätzlich in einer Metaebene statistisch ausgewertet werden.
Gehen wir nun in weiteren Details und schauen, wie solche Forschungen strukturiert sind.
Forschungsgestaltung
Es gilt zunächst zu entscheiden, welche der folgenden Aspekte eher von Interesse sind:
- Naturalistisch vs. experimentell
Unter naturalistischem Zugang verstehen wir einen, der - wie in einer Feldforschung - versucht, den Prozess mit möglichst wenig Einfluss von außen zu betrachten. Er ermöglicht daher eher einen tieferen Blick in den Prozess, kann aber keine Variable kontrollieren. Dieser war der erste Zugang z.B. Freuds und wird immer noch bei den meisten qualitativen Studien verwendet.
Andererseits können wir in Anlehnung an die Naturwissenschaft Versuchsanordnungen gestalten, die manche Variablen kontrollieren und dadurch ermöglichen, kausale Zusammenhänge der "freien" Variablen zu erkennen. Es gibt kaum Studien, die streng experimentell wären, sondern vielmehr "gemischte" Studien, die zusätzlich zu dem naturalistischen Zugang doch einige Variable zu kontrollieren versuchen.
- Intensiv vs. extensiv
Hier beziehen wir uns auf die Anzahl der Fälle, die betrachtet werden. Bei der klassischen Fallbeschreibung wird ein einziger Prozess beschrieben, in der Annahme, dass er sich generalisieren lässt.
Extensive Studien (oder Gruppenanalyse) versuchen mehrere solche Einzelfälle zu kombinieren und daher Schlüsse auf die Allgemeinheit zu ermöglichen, die etwas weniger willkürlich sind.
- Quer- x Längsschnitt
Weiters können wir auch unterscheiden, ob die Studie einen Quer- oder Längsschnitt ziehen will. Bei Querschnitt-Studien, versucht frau zu untersuchen, was zu einem spezifischen Zeitpunkt passiert. Zum Beispiel, wie gestalten sich Erstgespräche? Sie verwenden in der Regel Interviews dazu.
Längsschnittstudien versuchen dagegen die zeitlich Entwicklung zu erfassen, was passiert im Laufe der Therapie? Diese Studien verwenden oft Sitzungstranskripte oder offene Fragebögen.
Fragestellungen, die sich auf Vergangenes (Wie hast du das Erstgespräch erlebt? Wie hat sich dein Vertrauen zur Therapeut_in geändert? ...) oder Zukünftiges (Was erwartest du von der Therapie? ...) beziehen, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt gestellt werden, sind selbstverständlich Querschnitte.
Die meisten qualitativen Einzelfallforschungen sind Längsschnitte. Gruppenforschungen auf der anderen Seite sind meistens Querschnitte.
Plane deine eigene Forschung in Kleingruppen
Stichprobe - die Daten
Es stellt sich nun die Frage, wie komme ich zu den Daten? Es geht um die Auswahl der befragten Personen in Bezug auf die Forschungsobjekte. Diese können zum Beispiel Prozesse, Kontext, Setting, usw. sein.
In statistisch fundierten Studien, versuchen wir schon bei der Datenaufnahme auf die statistisch relevante Qualität zu achten. Es werden also auf diverse Arten der Randomisierung zurückgegriffen, um die Verallgemeinerung der Ergebnisse zu garantieren.
In qualitativen Studien andererseits versuchen wir eben durch eine ausgeklügelte Auswahl der Gefragten, die Qualität der Daten zu sichern. Es ist daher wichtig auf folgende Fragen genau einzugehen:
- Welche Zielgruppe will ich befragen?
Wenn ich genau weiß, was ich fragen will, kann ich die zu befragenden Personen z.B. unter folgenden Kriterien aussuchen:
- Sie sind leicht zugänglich (zum Beispiel verwende ich eine Liste der Therapeut_innen aus Internetportalen);
- Ist die Gruppe homogen (zum Beispiel suizidale Klient_innen)
- Sind es typische oder extreme Fälle?
- Wie suche ich sie aus?
Ich kann auch auf Grund einer theoretischen Fragestellung die Auswahl treffen. Zum Beispiel, inwiefern beeinflusst ein zeitlich naheliegender Tod die Themen in der Therapie.
Wenn alle diese Entscheidungen getroffen wurden, kann ich zur Datenerhebung übergehen:
Datenerhebung
Die Daten der qualitativen Forschung sind grundsätzlich sprachlicher Natur. Diese können unmittelbar für die Forschung erzeugt werde, wie Interviews oder Fragebögen. Der Prozess kann auch zunächst durch ein Aufnahmeverfahren eingehoben und dann ausgewertet werden. Das Material kann in schriftlicher Form transkribiert werden und das Transkript weiter verarbeitet, eventuell mit linguistischen oder statistischen Techniken ausgewertet werden. Es entstehen so typische Mischmethoden. Auch ist es möglich die Aufnahmen mit anderen computerbasierten Techniken auszuwerten.
Inhaltlich gilt das Interesse den subjektiven Erfahrungen der Klient_in oder der Therapeut_in im Therapieprozess oder dem kommunikativen Austausch während der Sitzung(en).
Es werden folgende Methoden eingesetzt:
- Qualitative Beobachtung
Audio- oder Videoaufnahme. Es ist zu vermerken, dass die Tatsache, dass die Sitzung(en) aufgenommen werden, den Prozess beeinflusst, obwohl mit dem Fortschritt der Technik, dies immer weniger störend wirkt.
Das Transkribieren ist eine Handlung, die eine mehr oder weniger subjektive Beeinflussung der Daten bewirkt. Dieser Prozess kann extrem aufwendig werden, wie wir im Detail in Kurs C3 sehen werden⚠ %popwin id=1 width=800 height=500%[[Inhalt.ProzessorientiertQualitativReferenzen?skin=triad|<sup>2</sup>]].
Aufnahmen sind die am wenigsten strukturierten Methoden der Datenerfassung. Weitere wenig strukturierte Methoden sind eigene Notizen der Therapeut_in/Klient_in über den Therapieprozess, und auch Supervisionsarbeit.
- Qualitativer Selbstbericht
Anders als in den Naturwissenschaften, wo ich den Stein nichts über den freien Fall fragen kann, gibt es in der Psychotherapie die Möglichkeit, Klient_in und/oder Therapeut_in direkt über ihre Erfahrung zu befragen.
Die direkte Befragung gibt Information, die in Aufnahmen nicht zugänglich sind, wie zum Beispiel, was für innere Prozesse in einem Moment der Stille passieren. Auch unausgesprochene Gedanken und die verschieden Metaebenen im Prozess werden in einer Aufnahme nicht erfasst. Die große Revolution der Psychoanalyse war es ja, dem Unaussprechlichen Bedeutung beizumessen.
Gegenüber den qualitativen Beobachtungen haben wir hier einen Perspektivenwechsel vollzogen: Von der Beobachter_in zur Betroffenen.
- Qualitative Interviews
Diese können mehr oder weniger strukturiert sein. Je weniger strukturiert, desto tiefgreifender und umgekehrt: denn durch die Einengung konkreter Fragen werden womöglich wesentliche Aspekte unangesprochen bleiben.
Am wenigsten strukturiert ist die freie Assoziation.
Danach kommen Narrative, in der die befragte Person einfach gebeten wird, ihre Erfahrung in Bezug auf ein bestimmtes Phänomen zu erzählen. Die Forscher_in stellt eine Frage und die Gefragte redet, wie beliebt. Zum Beispiel: "Erzähle mir über die Momente der Stille in der Therapie".
Strukturierter wird es, wenn einige spezifische Themen vorbestimmt werden, und die Befragte zwar frei aber über die spezifischen Themen referiert. Hier wieder einmal - je mehr Themen desto oberflächlicher.
Es gibt auch Versuche, die Fragethemen zu standardisieren, um vergleichbare Ergebnisse zu erhalten. Ein Beispiel ist das "Change Interview" ⚠ %popwin id=1 width=800 height=500%[[Inhalt.ProzessorientiertQualitativReferenzen?skin=triad|<sup>3</sup>]], das acht bestimmte Fragen stellt: 1) Wie war es, in Therapie zu sein? 2) Was hat sich verändert? 3) Was sind die Ursachen für die Veränderung (sowohl innerhalb der Therapie als auch von außen)? 4) Was war hilfreich in der Therapie? 5) Was war hinderlich in der Therapie? 6) Was war schwierig aber ok? 7) Was hat gefehlt? 8) Wie war es, in dieser Forschung einbezogen zu werden? (Das "Change Interview" wird auch für ergebnisorientierte Forschung verwendet.)
Zuletzt gibt es auch sehr strukturierte Interviews, die zwar für die Befragten offen gelassen werden, aber die Interviewer_in die offenen Antworten in einen vorgefassten Antwortraster einfügt. Diese lassen sich so leicht mit anderen Forschungen vergleichen, geben aber ein sehr eingeschränktes Bild vom Prozess. Sie werden eher als diagnostisches Werkzeug eingesetzt.
- Qualitative Fragebögen
Fragebögen schränken das Thema weiter ein, in dem sie auch für die Antwort nur vorgegebe Möglichkeiten zulassen. Hier wieder bringt diese weitere Strukturierung mehr Sicherheit, mehr Vergleichsmöglichkeiten, machen aber die Information immer oberflächlicher.
Dafür gibt es eine Reihe von standardisierten Fragebögen, die oft verwendet werden.
- Tonbandunterstützer Rückruf
In dieser Mischform wird der Befragten die Aufnahme einer oder mehreren Sitzungen/Passagen vorgespielt und sie wird gebeten, darüber zu berichten, was sich in ihr bewegt hatte.
Jede Gruppe wählt eine Forschungsidee über die Mittagspause aus.
Danach diskutiert sie Stichprobe und Datenerhebung dazu
Datenanalyse
⚠ %popwin id=3 width=1150 height=720 menubar=0%[[Inhalt.MapOfMethods?skin=triad||Attach:SharedUpload./MapOfMethods.jpg"Zeige Graphik"]]
Wir zeigen hier eine Graphik mit einem Überblick der prozessorientierten qualitativen Forschungsmethoden.
Die Methoden werden in zwei Dimensionen eingeteilt. In der Vertikalen organisieren wir sie danach, ob sie von unten hinauf oder von oben herab aufgebaut sind. In der Waagrechten geht es darum, ob der Schwerpunkt mehr auf den Inhalt oder auf die Struktur gesetzt ist.
- von unten hinauf oder von oben herab
Methoden, die von unten hinauf aufgebaut werden, werden von den Daten bestimmt. Das heißt, dass die Analyse durch die untersuchten Daten bestimmt wird. Die Kategorien tauchen nach dem Prozess auf, post hoc. Sie sind induktiv, reflexiv, flexibel, kommunikativ. Diese Methoden können auf den Inhalt oder die Struktur fokussieren und sind am Boden der Graphik dargestellt.
Umgekehrt werden Methoden von oben herab durch eine zugrundelegende Theorie bestimmt. Methoden und Kategorien sind a priori durch die Theorie definiert. Sie sind dann naturgemäß deduktiv, standardisiert und rigid. Somit werden sie oft bei quantitativen Zugängen verwendet. Diese Methoden können ebenso auf Inhalt und Struktur fokussiert sein und werden oben in der Graphik dargestellt.
| von unten hinauf | von oben herab |
| Entdeckend | Deduktiv |
| Phänomenologisch | Strukturiert |
| Flexibel | Standardisiert |
- Inhalt vs. Struktur
Die zweite waagrechte Dimension bezieht sich auf das Thema, das der Zugang untersucht. Geht es hier mehr um den Inhalt oder um die Struktur? Inhaltsbezogene Methoden beschäftigen sich mit Fragen bezüglich Autonomie, Beziehung, Angst, Schuld und anderer Emotionen. Strukturbezogene Methoden beschäftigen sich mehr damit, wie kommuniziert wird, also Themen wie Argumentation, Vermeidung, fragmentierte Sprache, Widerstand. Diese befinden sich rechts in der Graphik.
| Inhalt | Struktur |
| Beziehung | Vermeidung |
| Angst | Fragmentierung |
| Schuld | Widerstand |
Betrachte nun die Graphik. Sie ist aus der ⚠ %popwin id=1 width=800 height=500%[[Inhalt.ProzessorientiertQualitativReferenzen?skin=triad|Referenz 4]] entnommen und deswegen auf Englisch. Die Achsen habe ich gerade eben genau erklärt. In der Mitte der Graphik findest du eine Reihe von spezifischen Forschungsbeispielen, auf die wir dann noch genauer eingehen könnten, was aber unseren Zeitrahmen sprengen würde. Meine Absicht hier ist nur die Vielfalt und Breite der Forschung sichtbar zu machen.
Diskutiere vorweg, was deine Forschung für Aussagen liefern könnte und was nicht
Diskussion für den Online-Kurs:
Schreibe deine Gedanken zu den unteren Themen in den jeweiligen Kommentaren.
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Diskussion im präsenziellen Kurs:
Gibt es Verständnisfragen?
Die einzelnen Themen werden in Kleingruppen diskutiert. Sieh weiter unten die Details.
Danach Diskussion im Plenum
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