Einführung
Die qualitative ergebnisorientierte Forschung legt ihren Schwerpunkt nicht auf die Frage wieviel sondern vielmehr auf was, wie, warum. Sie stellt auch die Fragen, "was meinen wir mit Ergebnis?" bzw. "was für Ergebnisse gibt es?"
Es gibt leider viel weniger Publikationen in diesem Feld als in der quantitativen ergebnisorientierten Forschung, was in Betracht ihres Grundlagencharakters sehr schade ist. Denn bevor wir etwas erforschen, ist es wichtig, genau zu definieren, was wir forschen wollen. Wir sehen in der ergebnisorientierten Psychotherapieforschung eine große Übergewichtung von quantitiver über qualitativer Forschung. Dieser Übereifer zu rechnen, ist allerdings nichts Neues. Schon in der Physik wird die Anekdote erzählt, dass Wolfgang Pauli, ein sehr origineller Physiker und Nobelpreisträger, der in Wien in die Gymnasiumstraße in die Schule gegangen ist, im seinen Vorlesungen immer betont hat, man soll nie eine Rechnung beginnen, bevor man nicht das Ergebnis kennt.
Also fragen wir, was wollen wir messen, was ist ein mögliches Ergebnis einer psychotherapeutischen Behandlung? Die meisten quantitiven Forschungen untersuchen die Veränderung vom "Sich-besser-fühlen". Aber aus der Praxis und aus der qualitativen Forschung wissen wir, dass oft für die Klient_in Kategorien wie Lebenssinn, Einsicht über meine Lebenssituation, größere Sozialkompetenz eher im Fordergrund stehen.
Erst die qualitative ergebnisorientierte Forschung ermöglicht herauszufinden, was für Forschungsfragen für die Klient_in relevant sind, um diese dann gelegentlich quantitativ zu untersuchen.
Ein weiteres Problem, dass in der qualitativen Forschung thematisiert wird, ist aus wessen Perspektive das Ergebnis untersucht wird. Denn Klient_in und Therapeu_tin schätzen das Ergebnis oft völlig anders ein. Es gibt zum Beispiel Beobachtungen bei psychotischen Klient_innen, dass sie das Ergebnis an der Reduktion des selbstverletzenden Verhaltens messen, und aber ihre Therapeut_in die Betonung mehr auf die Steigerung soziale Konpetenz der Klient_in legen.
Eine weitere mögliche Perspektive ist die einer außenstehenden Person. Im berühmten Buch von Irvin Yalom "Die rote Couch" zum Beispiel wird sehr bildhaft der Fall von einem Therapieklienten dargestellt, der es nach jahrelanger Behandlung schafft, sich von seiner sehr dominanten Ehefrau zu trennen: aus seiner Sicht ein großer Therapieerfolg; aus der Sicht der Ehefrau ein klarer Beweis für den Unfug der Psychotherapie.
Datenerhebung
Wir haben schon in einem vorigen Kapitel über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Datenerhebung gesprochen. Hier wollen wir nur die Überschriften noch einmal in Erinnerung rufen:
- Interviews
- Post-Therapie
- Standartisierte, halbstrukturierte Veränderungsbeschreibung, Vorher/Nachher
- Andere verbale Methoden
- Fragebögen
- Private Berichte (Tagebuch, Briefe, Autobiographisches)
- Non-verbale Methoden
- Fotos und Videos
- Projektive Zeichnungen
- Lebenslinie, Lebenskarte
Datenanalyse
- Quantitative Inhaltsanalyse
Die darauf folgende Datenanalyse, die wir auch schon im Detail untersucht haben, erzeugt durch verschiedene Verfahren eine große Menge von Daten, die dann statistisch, quantitativ analysiert werden.
- Exploration bestimmter Aspekte
Eine weitere Möglichkeit der Datenanalyse liegt in der Bearbeitung der Rohdaten, bevor die statistischen Werkzeuge angewendet werden. Wir können so anstatt der bloßen Wortzählung, die Daten inhaltlich kategorisieren. Diese Kategorieanalyse ermöglicht dann einen viel tieferen Blick ins Selbstbild der Klient_in, erfordert aber natürlich viel mehr menschliche Ressourcen. Und sie setzt naturgemäß einen bestimmten theroretischen Hintergrund voraus.
- Interpretative Fallanalyse, Kredibilitätsanalyse
Ein weiterer Vorteil der qualitativen Forschung ist die Möglichkeit, die Rohdaten einer interpretativen Fallanalyse und/oder einer Kredibilitätsanalyse zu unterziehen. Denn, wir wissen ja, die Antwort der Klient_in, der Therapeut_in oder einer dritten Person ist nie objektiv, denn sie will gefallen oder sie ist in Abwehr.
Diskussion im Plenum
Grenzen und Glaubwürdigkeit
Wir wollen hier noch kurz über die Grenzen der ergebnisorientierten qualitativen Forschung sprechen.
Diskussion in Kleingruppen
- Zuverlässlichkeit der rückblickenden Narrative
Die oft verwendeten Rückblickfragen beziehen sich auf Fakten bzw. Narrative, die manchmal viele Monate oder Jahre zurückliegen - dies kann zu Erinnerungschwierigkeiten führen. Es mag daher für die Interviewten schwer sein, präzise darauf Bezug zu nehmen. Mögliche Gedächtnishilfen, wie ein schriftlicher Bericht oder Bilder, die zu Beginn der Therapie erstellt wurden, bringen aber auch neue schwer kontrollierbare Elemente hinein, wie die Interpretation der Berichtverfasser_in.
Auch die eigene Deutung der Klient_in darf nicht vernachlässigt werden. Ich deute heute mein Leben von vor zehn Jahren ganz anders, als ich es damals gedeutet habe. Wenn ich nun sagen soll, ob sich mein Leben verbessert hat, vergleiche ich das Bild meines heutigen Lebens mit dem damaligen Bild meines damaligen Lebens oder mit dem heutigen Bild meines damaligen Lebens? Ersteres mag mehr Sinn für die Ergebnisforschung machen, zweiteres ist sicher das, was für mich relevant ist.
- Forscher_in-zentrierter Blick
Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass jede Forschung forscher_inzentriert ist. Die Forschung ist angelegt durch die Forscher_in, um Fragen, die sie beschäftigen, zu beantworten. Diese Fragen mögen für die Klient_in bedeutungslos sein.
- Ethische Probleme
Jeder qualitativen Forschung liegt eine Narrative des Prozesses der Klient_in zugrunde. Diese Narrative kann Aspekte enthalten, die die Klient_in für sich oder für dritte indentifizierbar macht. Diese Tatsache bringt schwerwiegende ethische und Verschwiegenheitsprobleme mit sich. Eine bewusste Entbindung der Klient_in kann kann diese Lage nur bedingt erleichtern, denn nicht jede - zukünftige - Nutzung der Daten ist vorhersehbar. Und auch die Möglichkeit gegebenfalls die Rohdaten nach Abschluss der Forschung zu vernichten - was im Sinne weiterer Forschungen schade wäre - ist unbefriedigend. Es bliebe immer noch die Möglichkeit, dass die Klient_in nachträglich ihre Zustimmung zurückzieht.
- Rückwirkung auf den therapeutischen Prozess
Ein weiterer Punkt, der zu erwähnen wäre, ist die Wirkung, die die Forschung auf den Therapieverlauf haben könnte. In einem Extremfall ist die Forscher_in so sehr bemüht, den Therapieverlauf nicht zu beeinflüssen, dass ihre Fragen allgemeiner Natur sind und inhaltslos werden. Im anderen Extremfall entsteht eine Art dreier Gespann von Klient_in, Therapeut_in und Forscher_in - und das ist schwer von Inszenierungen und Projektionen frei zu halten.
- Große Anforderung an die Teilnehmenden
Zusammengefasst ermöglicht die ergebnisorientierte qualitative Forschung einen tiefen Einblick in Therapieverlauf und -ergebnis. Sie kann wesentliche Fragen der Psychotherapie untersuchen, und ist unerlässlich als Grundlage für eine gute quantitative Forschung. Sie bringt aber auch große Komplexitäten mit sich, die sehr schwer zu behandeln sind.
Aber komplexe und unbegriffliche Zusammenhänge lagen ja schon in der Wiege der Psychotherapie.
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Diskussion für den Online-Kurs:
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Diskussion im präsenziellen Kurs:
Gibt es Verständnisfragen?
- Diskussin im Plenum: Datenerhebung und -analyse
- Grenzen und Glaubwürdigkeit: Diskussion in 5 Kleingruppen jeweils zu den obigen Themen.
- Danach Diskussion im Plenum
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